Theaterpädagogik und Rhetorik-Seminar ergänzen das psychosomatische Therapieangebot am Clementine Kinder­hospital

Die Förderung sozialer Kompetenzen spielt in der Therapie psychosomatisch erkrankter Kinder und Jugendlicher im stationären Bereich eine große Rolle. In der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Clementine Kinder­hospital bemühen sich im Stationsalltag Erzieher, Sozialpädagogen und Kinderkrankenschwestern mithilfe unterschiedlicher Gruppenaktivitäten, die sozialen Kompetenzen der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu stärken. Diese Arbeit wird am Clementine Kinder­hospital durch zwei Projekte ergänzt.

Struktur und Arbeitsweise der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik

In der psychosomatischen Ambulanz erfolgen ein Erstgespräch mit der Familie und ein psychotherapeutisches Einzelgespräch mit den vorgestellten Kindern/Jugendlichen. Darin wird geklärt, ob eine stationäre oder ambulante Behandlung notwendig ist. Patienten, die eine stationäre psychosomatische Behandlung wünschen, werden auf die Warteliste gesetzt und den Stationen C3 und C4 zugeteilt. Die Zuweisung von der Ambulanz zu den Stationen erfolgt nach der Schwere und gegebenenfalls Überwachungsbedürftigkeit der Erkrankung, aber auch nach altersspezifischen Gesichtspunkten. Angestrebt wird, dass Kinder und Jugendliche bei der stationären Aufnahme möglichst Gleichaltrige im Zimmer antreffen. Den Patienten und ihren Eltern wird vor der Aufnahme die infrage kommende Station ausführlich gezeigt.

Auf der Station C3 werden Kinder und Jugendliche ab acht Jahren mit klassischen psychosomatischen Krankheitsbildern behandelt, die keine erhöhte medizinische Überwachung benötigen. Das Stationssetting der Station C3 unterscheidet sich dadurch in wesentlichen Zügen von dem der Station C4. Beispielsweise werden auf der Station C3 Patienten mit Anorexia nervosa mit einem BMI über 14 behandelt, ferner Patienten mit Bulimia nervosa, mit Essattacken und daraus resultierendem Übergewicht, mit somatoformen Störungen, depressiven Erkrankungen und somatischem Syndrom, Anpassungsstörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen, Patienten mit Angststörungen, sozialen Phobien und Schulabsentismus sowie Patienten mit Ausscheidungsstörungen. Die Station C3 bietet eine feste Struktur sowie einen geregelten Tagesablauf mit Freizeitaktivitäten und einem entsprechenden Stundenplan. Die Wochenenden können die Patienten zu Hause verbringen.

Auf der Station C4 wird eine integrierte Akutpsychosomatik angeboten. In der somatischen Umgebung der gemischten Station fühlen sich jene Patienten wohl, die von einer organischen Ursache ihrer somatoformen Beschwerden überzeugt sind. Der unmittelbare Kontakt des psychosomatisch tätigen Arztes mit den Kinderärzten in den Schnittstellen-Teams fördert den diagnostischen Prozess während eines akuten Krankheitsgeschehens. Auf der gemischten Station C4, die geteilt ist in eine Frührehabilitations- und Rehabilitationsstation und einen psychosomatischen Bereich, werden Kinder und Jugendliche mit Überwachungsbedürftigkeit oder Interventionsbedürftigkeit hinsichtlich ihrer Erkrankung aufgenommen. Insbesondere können Patienten mit Anorexia nervosa, die einen BMI unter 14 haben und manchmal im Rahmen der Erkrankung einen verlangsamten Herzschlag aufweisen, dort bei Bedarf nachts an einen Monitor angeschlossen werden. Auf der Station C4 werden ferner Patienten mit Konversionssyndromen, pseudoneurologischen Störungen, psychogenen Anfällen und dissoziativen Störungen behandelt, zudem Patienten mit anhaltenden somatoformen Schmerzstörungen, die noch körperliche Diagnostik benötigen. Zuletzt werden hier kleine Kinder mit Fütterstörungen behandelt und Mütter, die ihre Kinder mit Rooming-in begleiten, psychologisch angeleitet.

Therapeutisches Setting

Auf beiden Stationen werden tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie in Einzelsitzungen, dreimal pro Woche, ein Elterngespräch pro Woche sowie 360 Minuten begleitende Therapien in Form von spezifischen psychotherapeutischen Techniken durch Kunsttherapie, Musiktherapie, Physiotherapie mit Entspannungsgruppen angeboten. Zudem erfolgt eine begleitende Teamsupervision durch Psychoanalytiker. Alle Kinder und Jugendlichen, die in der Psychosomatik behandelt werden, besuchen während ihres stationären Aufenthalts die Klinikschule der Heinrich-Hoffmann-Schule. Auf beiden Stationen werden Gruppenaktivitäten zur Stärkung der sozialen Kompetenz durchgeführt, die durch Erzieher und Kinderkrankenschwestern geleitet werden. Die Gruppen werden seit Kurzem durch spezielle Zusatzangebote ergänzt.

Notwendigkeit der Förderung sozialer Kompetenzen für Kinder und Jugendliche mit Anorexia nervosa

In einem State of the Art-Vortrag zur Behandlung von jungen Menschen mit Anorexia nervosa am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin in Frankfurt hat Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann aus Aachen an der Universität Frankfurt 2013 dargelegt, dass die Defizite in der sozialen Kompetenz im Alltag bei Jugendlichen mit Anorexia nervosa oft erschreckend hoch sind. Jugendliche mit Anorexia nervosa zeichnen sich oft durch Beharrlichkeit, Introvertiertheit und negativen Affekt aus. Durch die Introvertiertheit und den negativen Affekt entstehen soziale Hemmungen und soziale Isolation. Nach ihren Forschungsergebnissen sind bei ihnen verhaltenstherapeutische Programme mit sozialem Training in Gruppen langfristig weniger wirksam als theaterpädagogische Arbeit während der stationären Behandlung. In der Universitätsklinik in Aachen ergänzt daher seit Kurzem die theaterpädagogische Gruppenarbeit die verhaltenstherapeutische.

Umsetzung in der Abteilung Psychosomatik am Clementine Kinder­hospital

Eine solche theaterpädagogische Arbeit für Jugendliche mit Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Jugendliche mit Schulabsentismus sowie sozialen Ängsten wurde mit einem theaterpädagogischen Projekt in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik begonnen. Zur Umsetzung dieses Projekts konnte ein Kinderpsychotherapeut in fortgeschrittener Ausbildung und Theaterpädagoge gewonnen werden. Der Fokus des Projekts liegt darauf, alltägliche soziale Kompetenzen dieser Jugendlichen zu stärken. Bearbeitet werden Themen wie Sprechen vor Gruppen, Präsentationen in der Schule, soziale Kompetenz im Alltag mit Szenen aus dem Alltagsleben sowie Szenen bei der Bewerbung. Die Jugendlichen, die am Projekt teilnehmen, werden vor und nach Abschluss des Projekts mit einem standardisierten Fragebogen zu sozialen Ängsten und Hemmungen befragt, um eine Evaluation zu gewährleisten.

Rhetorikprojekt: Selbstsicher sprechen und auftreten

Das theaterpädagogische Projekt geht Hand in Hand mit den Rhetorik-Kursen für Jugendliche, deren Module von den Logopädinnen des Clementine Kinder­hospitals zusammen mit einer Schauspielerin und mir entwickelt wurden. Mittlerweile sind sie fester Bestandteil der Therapie zur Stärkung sozialer Kompetenzen Jugendlicher in der Psychosomatik. Zur Inspiration für dieses Projekt haben die Logopädinnen und ich am Rhetorikseminar „Sicher auftreten – sicher wirken“ für selbstunsichere junge Studentinnen des Frauenreferats an der Universität Mainz im Sommersemester 2013 teilgenommen. In diesem Kurs lernten selbstunsichere Studentinnen mit Prüfungsängsten, wie sie Prüfungen und Referate selbstsicher meistern können. Themen waren Selbstpräsentation, Wirkung und gezielter Einsatz von Sprache und Körpersprache, Sicherheit im Auftreten und Konzeption und Durchführung von Präsentationen. Um die Selbstsicherheit in der Schule und bei Prüfungssituationen zu stärken und den Jugendlichen, die in der Psychosomatik am Clementine Kinder­hospital behandelt werden, bei der Bewältigung alltäglicher, kommunikativ schwieriger Situationen zu helfen, bereiten wir verschiedene Module des Kurses Rhetorik vor:
Im Modul „Einführung ins Thema“ werden anhand einer vorgespielten Szene einer misslungenen Kommunikationssituation eigene Erfahrungen und ausgelöste Gefühle diskutiert. Sachthemen und unbewusste Kommunikation (Gestik, Mimik, Stimmlage) werden anhand des Eisberg-Modells miteinander in Verbindung gebracht. Anhand der Körpersprache, der Haltung, des Standes, der Gestik mit den Händen und des Blickkontaktes wird geübt, wie man beim Vortrag selbstsicher und stark wirkt.

Das Modul „Grundlagen der Kommunikation und Körpersprache“ schließt sich nahtlos an. Im Modul „Freies Sprechen“ wird geübt, Füllworte wie „Ähm“ und Lieblingsworte zu vermeiden. Was tut man, wenn man beim Sprechen stockt? Wortfindungsübungen und Assoziationsübungen mit inneren Vorstellungsbildern fördern freies Sprechen ohne Füllsel. Improvisation und die kleine Unterhaltung mit den zehn Regeln des Small Talks runden dieses Modul ab. Mithilfe des Moduls „Verbale Attacken“ können Werkzeuge gegen „blöde Sprüche“ geübt werden: bewusstes Ignorieren, Themenwechsel, zweisilbige Antworten, die Beleidigung stoppen.

Im Modul „Spontaneität in konfrontativen Alltagssituationen“, die mit einer Herausforderung verbunden sind, werden diese Situationen geübt. Szenen wie zu langes Warten auf die Bedienung im Restaurant, Bewerbung um einen Praktikumsplatz oder Reklamation im Schuhgeschäft werden hier im Psychodrama-Spiel in verteilten Rollen gespielt.

Das Modul „Atmung und Stimme“ vermittelt Übungen zur Bauchatmung, Resonanz, Indifferenzlage und Artikulation. Im Modul „Präsentationstechniken und Abschlusspräsentation“ geht es darum, einen Ablaufplan für ein Referat zu entwickeln, Hilfsmittel zu bestimmen, mit Pannen und Störungen während der Präsentation umgehen zu lernen und die Zuhörer abzuholen. Zuletzt ist ein Modul „Umgang mit Lampenfieber und Redeängsten“ vorgesehen.

Zusammenfassung

In der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Clementine Kinder­hospital sollen Jugendliche durch theaterpädagogische Arbeit und Rhetorikseminare krankheitsbedingte soziale Hemmungen und Ängste reduzieren. Insbesondere sollen an diesen Projekten jugendliche Patienten mit Anorexia nervosa und sozialen Phobien sowie ängstliche Schulverweigerer teilnehmen. Wir hoffen, mit diesen Projekten einen modernen und spielerischen Ansatz zur Therapie zu leisten.

Leitende Oberärztin
PD Dr. med. Renate Voll

 

 

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