"Kinder sollten ausreichend freie Zeit haben" - Interview mit Oberärztin Dr. med. Renate Voll

Wie haben sich die Probleme von Kindern und Jugendlichen in den letzten 30 Jahren verändert? Welche gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflussen unsere Kinder negativ und worauf sollten Eltern Wert legen? Oberärztin PD Dr. Renate Voll verlässt das Clementine Kinder­hospital Ende April und geht in den Ruhestand. Acht Jahre leitete sie die psychosomatische Abteilung an dem Kinderkrankenhaus im Frankfurter Ostend. Wir sprachen zum Abschied mit ihr über die Entwicklung ihrer langjährigen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und ihre Zeit am Clementine Kinder­hospital.

Frau Dr. Voll, wie sind Sie vor 38 Jahren dazu gekommen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie zu arbeiten?

Wie viele Kollegen, die in diesem Bereich arbeiten, habe ich auch einen biographischen Hintergrund, der mich dieser Fachrichtung zuführte. Mein Bruder erkrankte schwer an Krebs, als ich kurz vor dem Abitur stand und er verstarb nach einem Jahr des Leideswegs an Lungenmetastasen. Es gab damals keinerlei psychologische Begleitung für uns als Familie. Die Familienmitglieder haben sich durch diese Zeit „durchgeschleppt“. Für uns Kinder gab es damals in Stuttgart keine Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche, die unsere Eltern mit uns aufgesucht hätten. Dies war der Auslöser für mich, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie zu werden.

Dann gehörten Sie damals zu den Vorreitern in diesem Gebiet?

Ja, sozusagen. Wenn man selbst einmal erlebt hat, wie schwierig es ist, wenn man unverschuldet in eine schwierige Lebensphase gerät, dann hat man auch eher einen Sinn für andere Menschen, denen es ähnlich geht.

Inwieweit hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Zeit entwickelt?

Bei meinen ersten Arbeitsstellen habe ich viele körperlich schwer erkrankte Kinder über mehrere Jahre psychotherapeutisch betreut und ihnen geholfen, mit ihren körperlichen Handicaps ihren individuellen Lebensweg zu finden. Am Clementine Kinder­hospital ist zum einen die Zeit der stationären Behandlung begrenzt. Die Kinder, die in der Psychosomatik behandelt werden, sind im Vergleich körperlich selten chronisch krank. Sie werden wegen Angststörungen, Depressionen oder Essstörungen und anderen psychosomatischen Erkrankungen behandelt. Bei diesen Kindern besteht seitens der behandelnden Therapeuten oft die Hoffnung, dass sie wieder ganz gesund werden können. Der therapeutische Ansatz und die Zielsetzung sind daher anders.

Haben sich die Probleme der Jugendlichen in den letzten 30 Jahren verändert?

Essstörungen waren früher zumeist eine Erkrankung in der Jugend. Heute hat sich das Krankheitsbild oft in die Zeit vor dem 12. Lebensjahr verschoben, die Mädchen erkranken zunehmend in frühen Jahren. Zurzeit haben wir mehrere elfjährige Kinder, Mädchen und Jungen mit schwerer Anorexie auf Station, die zum Teil mit Sonden ernährt werden müssen. Warum sich der Beginn der Anorexie so verlagert hat, ist noch nicht geklärt.

Die gängige Meinung ist ja, dass Magersucht eine typische Frauenkrankheit sei. Welche Erkrankungen bringen denn Jungen hauptsächlich mit?

Nach wie vor ist das so, dass eine Anorexie hauptsächlich das weibliche Geschlecht betrifft. Aber wir haben auch schon eine Reihe von männlichen Patienten mit Anorexia nervosa behandelt. Jungen erkranken z.B. häufiger an ADHS.

Gibt es eine gesellschaftliche Entwicklung, die Ihnen Sorge bereitet?

Wenn ich zurück denke an meine eigene Jugend oder auch meine Arbeit vor 30 Jahren – hatten Kinder nach der Schule viel Freizeit. Heute gehen Schultage oft bis in den späten Nachmittag, dazu kommen noch Verpflichtungen wie Musikschule oder Fußball. Die Wochenpläne der Kinder sind vergleichbar mit einem Pensum einer Arbeitswoche von berufstätigen Erwachsenen. Das hat mit Kindheit nichts zu tun. Jede Minute ist verplant, vor allem bei begabten Kindern. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung, denn Kinder sollten ausreichend freie Zeit haben, Freunde zu treffen, ins Schwimmbad zu gehen oder auch das zu tun worauf sie eben Lust haben. Eltern wollen zwar das Beste für das Kind, aber sie sehen manchmal nicht, dass sie ihr Kind auf diese Weise überfrachten und es dauerhaft erschöpfen.

Zum anderen werden heute viele Ehen geschieden und es gibt zu Hause viel Streit und Ärger. Durch chronischen Streit werden Kinder in Mitleidenschaft gezogen und sie müssen in Patchworkfamilien oft viel bewältigen. Auch dort können sie mit Ansprüchen überfordert werden.

Weiterhin ist der Drogenkonsum an Frankfurter Schulen erheblich. Das hat sich im Laufe der Jahre stark geändert. Drogen gab es in meiner Jugend quasi nicht. Wenn Jugendliche regelmäßig Haschisch über längere Zeit rauchen, verringert sich ihr Intelligenzquotient nachweislich. Es kann sich eine starke Antriebslosigkeit, ein „amotivationales Syndrom“ entwickeln.

Stichwort Smartphone & Co. - Wie sehen Sie neue Medien bzw. Medienformate?

Wenn die Mediennutzung einen gewissen Zeitrahmen nicht überschreitet, sehe ich darin kein Problem. Neue Medien gehören zum modernen Leben dazu und helfen Jugendlichen ja auch miteinander in Kontakt zu bleiben. Aber Online-Spiele oder Egoshooter- und andere Gewaltspiele führen oft zu einer Internetsucht. Eltern sollten genau hinschauen, welche Spiele gespielt werden und wieviel Zeit ihre Kinder damit verbringen. Durch mangelnde Medienaufsicht der Eltern gibt es viele Gefahren.

Es gibt auch noch zu wenige professionelle Behandlungsschwerpunkte in den kinder- und jugendpsychiatrischen und psychosomatischen Kliniken, wo internetsüchtige Jugendliche qualifiziert behandelt werden können.

Gibt es einen Rat, den Sie Eltern gerne mit auf den Weg geben wollen?

Eltern sollten sich Zeit nehmen, ihren Kindern zuzuhören. Sie sollten ein auffälliges Verhalten ihres Kindes nicht immer direkt bewerten, sondern versuchen zu verstehen, warum ihr Kind so handelt, wie es handelt.

Auch sollten Eltern unbedingt Grenzen setzen. Das gilt auch für Eltern, deren Kinder psychisch erkrankt sind.Eltern, die keine Grenzen setzen, haben oft Kinder, die ihre psychische Erkrankung schlecht loswerden. Grenzen freundlich und verständnisvoll zu setzen, ist für Kinder immer hilfreich. Eltern sollten Absprachen und Regelungen in ruhigen Momenten festlegen und nicht erst im Ärger Sanktionen aussprechen.

Was haben Sie bei Ihrer Arbeit am Clementine Kinder­hospital besonders geschätzt?

Ich habe es sehr zu schätzen gewusst, dass uns die Clementine Kinder­hospital – Dr. Christ’sche Stiftung so großzügig bei Projekten unterstützt hat, etwa beim Rhetorikprojekt oder bei theaterpädagogischen Projekten. Dadurch konnten unsere Patienten ihre sozialen Fähigkeiten merklich ausbauen. Der Kroke-Stiftung bin ich sehr dankbar, dass sie mehrere Tanztherapie-Projekte für anorektische Mädchen unterstützt hat. Solche Projekte haben tolle Möglichkeiten für die begleitende therapeutische Behandlung eröffnet und den Kindern ganz viel mitgegeben. Darüber habe ich mich bei jedem gelungenen Projekt sehr gefreut.

Haben Sie sich für Ihren Ruhestand etwas vorgenommen?

Bis Ende April werde ich noch im Clementine Kinder­hospital Patienten mit beantragter Richtlinienpsychotherapie zu Ende behandeln. Anschließend werde ich meine Frankfurter Wohnung auflösen und nach Heidelberg zurückziehen. Nach einer kurzen Pause im Sommer möchte ich weiterhin in einer Praxis mit Kinder- und jugendpsychiatrisch und psychotherapeutisch arbeiten. Und ich möchte zuletzt mehr Sport machen und mir mehr Zeit für Kunst- und Kulturveranstaltungen nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute!

 

Psychosomatik am Clementine Kinder­hospital

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