Spot on: Klare Sicht bei möglichst geringer Strah­len­be­las­tung

Wie in anderen medizinischen Bereichen gilt auch in der Radiologie: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sowohl die altersspezifische Anatomie und Physiologie als auch die sich von den Erwachsenen unterscheidenden Bedürfnisse müssen bei den Untersuchungen beachtet werden. Seit Juli 2022 unterstützt Oberarzt David Jäger das Team der Radiologie am Bürger­hospital. Als einer der wenigen zertifizierten Kinderradiolog:innen in Hessen beschäftigt er sich mit der speziellen Bildgebung bei Früh- und Neugeborenen, Säuglingen, Kleinkindern und Jugendlichen.

Bundesweit gibt es etwa 110 tätige Kinderradiolog:innen, in Hessen führen 23 Ärzt:innen die Schwerpunktbezeichnung „Kinderradiologie“, davon praktizieren 17. Das sind nicht viele, wenn man bedenkt, dass allein in der Radiologie am Bürger­hospital jährlich um die 7.000 Kinder unter 16 Jahren untersucht werden. 

David Jäger schloss an seine Facharztausbildung die dreijährige Zusatzausbildung zum Kinderradiologen an und lernte das gesamte Spektrum der bildgebenden Diagnostik mit allen Methoden und für sämtliche Organgebiete aller Altersgruppen bis 18 Jahre kennen. Seit acht Jahren arbeitet er als Kinderradiologe und weiß die altersspezifischen Befunde zu erkennen und einzuordnen. Was bewegt sich im Normal-bereich – und was nicht? Gleichzeitig gibt es bei Kindern Erkrankungen, die im Erwachsenenalter nicht vorkommen, die man aber erkennen muss. Da die Körperzellen im Wachstum empfindlicher sind als im späteren Leben, spielt Strahlenschutz bei Untersuchungen von Kindern eine noch größere Rolle als bei Erwachsenen. Soweit möglich werden daher Unter­su­chungs­me­thoden eingesetzt, die ohne Einsatz von Röntgenstrahlen eine sichere Diagnose erlauben. 

Die Ultra­schall­un­ter­such­ungen (Sonografie) gehören dabei mit zu den wichtigsten diagnostischen Methoden in der Kinderradiologie und ermöglichen in den meisten Fällen bereits eine Diagnose. Mittels Schallwellen, und somit strahlungsfrei, können hier bis zu 90 Prozent aller Untersuchungen des Bauchraums und teils auch des Brustkorbs abgedeckt werden.

„Bei Neugeborenen und Kindern im Alter zwischen sechs Monaten und einem Jahr kann man mittels Ultraschall auch noch den Kopf untersuchen, weil da die Schädelknochen noch nicht zusammengewachsen sind“, erklärt David Jäger. „Geht es allerdings mit zunehmendem Alter um Entwick­lungs­stö­rungen bzw. um die Gehirnreifung des Kindes, so lässt sich das nicht mehr mittels Ultraschall beurteilen. Dafür müssen wir dann ins MRT (Magnetresonanztomografie). Hier kann man genau erkennen, ob die Reifung dem Alter des Kindes entspricht, oder ob eine Fehlbildung vorliegt. Dank einer hohen Feinauflösung lassen sich Unterschiede zwischen gesundem Gewebe und krankhaften Veränderungen erkennen“, ergänzt der Kinderradiologe.

Aber auch für Ganzkörperuntersuchungen wie beispielsweise bei Knochenmarkentzündungen bietet das MRT eine strahlenfreie Untersuchungsmethode, um die Entzündungen im Knocheninnenraum abzubilden. „Das würde man im Röntgen nicht unbedingt sehen, im MRT sieht man zum Beispiel die Entzündungen im Knochenmark, da sich hier Flüssigkeit bildet.“ Bei ängstlichen Kindern können die Eltern mit in den MRT-Unter­su­chungs­raum und während der gesamten Untersuchungszeit bei ihrem Kind sein. Ein angeschlossener Monitor, der während der Untersuchung kleine Filmsequenzen zeigt, sorgt für zusätzliche Ablenkung.

Bei manchen Erkrankungen ist eine Röntgen­un­ter­suchung jedoch unumgänglich. „Am häufigsten werden Röntgenaufnahmen der Lunge und der Knochen durchgeführt. Bei Letzteren beispielsweise, um Frakturen erkennen zu können. Hier sieht das Röntgenbild eines Kindes anders aus als das eines Erwachsenen. Kinder haben noch viel Knorpel, der überwiegend wasserhaltig und im Röntgen nicht zu sehen ist. Da muss ich mir den Knorpel dann hinzudenken“, erklärt Jäger. „Aber auch hier wird die Dosis der Röntgenstrahlen so niedrig wie möglich gehalten.“ Die modernen Geräte und auch die Durchleuchtungsanlagen sind mit sogenannten „Kinderfiltern“ ausgestattet. Die sind entweder aus Zinn oder aus Aluminium und sorgen dafür, dass die Strahlung nicht so hoch dosiert ist wie bei einem Erwachsenen. Zudem achten wir darauf, das Strahlenfeld eng auf die Untersuchungsregion zu beschränken. Das heißt, dass beispielsweise bei einer Aufnahme des Brustkorbs nicht umliegende Körperregionen wie der Kopf unnötig belastet werden“, fährt Jäger fort.

Manchmal ist es notwendig, ein Organ in einer Durchleuchtung mithilfe eines Kontrastmittels zu untersuchen, um seine Funktionalität zu überprüfen. „Wir hatten beispielsweise ein Frühchen, geboren in der vierundzwanzigsten Woche. Wie auch die anderen Organe, ist ebenfalls der Darm noch unreif, wenn ein Kind derart früh zur Welt kommt. Bei einer Darm-OP wegen Perforationen wurde dem Säugling ein Stück Darm entnommen und, um dieses zu schonen, ein künstlicher Ausgang angelegt. Nach ein paar Monaten wollten die Kollegen aus der Kinder-chirurgie den künstlichen Ausgang zurückverlegen. Zuvor wollten sie aber sichergehen, dass der in der Zwischenzeit nicht benutzte Darm auch dicht ist. Hierfür gaben wir Kontrastmittel in den Darm und sahen dann in der Durchleuchtung live zu, wie die Flüssigkeit ihren Weg durch den Darm nahm. Je nach Fragestellung wird das Kontrastmittel über eine Magen-sonde eingeführt oder über das Fläschchen gegeben“, berichtet der Kinderradiologe. Zwar sind Durch­leuch­tungs­un­ter­such­ungen mit der Einführung des Ultraschalls allgemein seltener geworden, sie sind jedoch bei der Diagnostik von Harnwegserkrankungen unverzichtbar. So kann beispielsweise ein vorliegender Reflux, ein defekter Verschluss­me­cha­nismus, der dazu führt, dass Urin aus der Blase in den Harnleiter bzw. die Nieren zurückfließt, mittels einer Durchleuchtung gut dargestellt werden. „Hierfür wird die Blase mittels eines Harnblasenkatheters mit Kontrastmittel gefüllt, sodass man ‚live‘ beobachten kann, ob es in die Niere hinaufsteigt, was Entzündungen der Nieren begünstigt. Das alles passiert im Liegen“, erklärt Jäger.

In seltenen Fällen ist es notwendig, eine Computertomografie (CT) durchzuführen, insbesondere wenn es um komplexe Lungenfrage-stellungen bzw. Lungengerüsterkrankungen geht. Bei einer schlimmen Lungenerkrankung können beispielsweise Hohlräume entstehen, die sich mittels CT besser abbilden lassen als im Röntgen. Das CT hat die Einstellung „Low Dose“, welche die Strahlendosis auf ein notwendiges Minimum reduziert. Weniger Strahlung bedeutet aber auch immer ein Stück Bildqualitätseinbuße. „Ich muss jedes Mal abschätzen, wie weit ich die Einbuße in Kauf nehmen kann, um die medizinische Frage immer noch beantworten zu können,“ erklärt Jäger. Unabhängig von dem zur Untersuchung ausgewählten Gerät mit Röntgenstrahlen wird immer die Röntgenstrahlendosis dokumentiert. „Es gibt vorgegebene Richtwerte und wir liegen immer weit darunter. Das ist wichtig, da der Körper keine Strahlung vergisst“, hält der Kinderradiologe fest.

 

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