Wie „Primary Nursing“ die Behandlung psychosomatisch erkrankter Jugendlicher verbessert

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland benötigen eine psychotherapeutische Behandlung, das zeigt der Arztreport der Krankenkasse Barmer aus dem Jahr 2021. Demnach hat sich innerhalb von elf Jahren die Zahl der psychotherapeutisch behandelten Kinder und Jugendlichen verdoppelt und ist auf über 800.000 Fälle angestiegen.

Diese Auswertung untermauert den subjektiven Eindruck, den das Team der Klinik für Kinder- und Jugend­psy­cho­so­matik am Clementine Kinder­hospital hat. Doch es ist nicht nur die kontinuierlich steigende Anzahl der erkrankten Kinder, die den Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen und Pflegekräften Sorgen bereitet, sondern auch das Erkrankungsspektrum, das sich verändert hat: „Viele Kinder kommen heute mit mehreren psychosomatischen Diagnosen gleichzeitig zu uns in stationäre Behandlung. Auch das Ausmaß an selbstverletzendem Verhalten hat deutlich zugenommen“, berichtet Michaela Schweda. Dabei hat sie als Kinder­kran­ken­schwester für neurologisch und psychosomatisch erkrankte Kinder in 36 Berufsjahren viel erlebt.  

Dass Jugendliche häufiger und schwerer an psychosomatischen Störungen erkranken, kann auch Luzi Santoso bestätigen: „Zu den Erkran­kungs­bildern, die wir am Clementine Kinder­hospital behandeln, gehören Essstörungen, Zwangsstörungen, dissoziative Störungen, Depressionen, Schulangst oder auch Schmerzstörungen. Die Fälle werden dabei immer komplexer.“ Seit Februar 2020 arbeitet die Diplom-Pädagogin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin am Clementine Kinder­hospital und wechselte aus der ambulanten Versorgung einer Praxis in die stationäre Langzeittherapie: „Ich bin davon überzeugt, dass wir Kindern mit psychosomatischen Erkrankungen am besten in einem großen Team helfen können“, erklärt sie ihre Motivation für ihren Wechsel an das Frankfurter Kinder­kran­ken­haus und fühlt sich in ihrer Entscheidung bestätigt: „Wir haben hier viel Zeit, eine therapeutische Beziehung zu unseren Patienten aufzubauen. Außerdem sind viele Berufsgruppen in die Behandlung involviert und jeder steuert mit seinem Fachwissen seinen Beitrag zur Genesung bei.“

Am Clementine Kinder­hospital verbringen psychosomatisch erkrankte Jugendliche ihre stationäre Behandlung in einem strukturierten Klinik-alltag mit vielseitigen Beziehungsangeboten: Sie nutzen zahlreiche therapeutische Maßnahmen und besuchen die Klinikschule. In ihrem Stationsalltag werden sie von Erzieher:innen und Pflegekräften betreut. Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen sind für die psycho-therapeutische und medizin­ische Versorgung zuständig, Physio-, Musik- und Kunsttherapeut:innen haben ebenfalls ihren wichtigen Anteil an der Heilung.

Doch die veränderte Ausgangs­si­tua­tion erfordert eine Anpassung der Behandlungskonzepte. „Selbst eine erfahrene Pflegekraft kann heute nicht mehr davon ausgehen, dass allein ihr empathischer Umgang mit ihren Patienten heilsam ist. Durch die Mehrfachdiagnosen ist es umso wichtiger geworden, sich intensiv mit Kollegen auszutauschen, damit im Stations-alltag die Krankheitsentwicklung nicht unbewusst in eine falsche Richtung angestoßen wird“, beschreibt Michaela Schweda die neue Heraus-forderung für die Pflege. Auch Luzi Santoso sieht einen gesteigerten Bedarf an Austausch im Team: „Als Therapeutin bin ich darauf angewiesen, was mir die Pflege zurückmeldet. Ich erlebe meine Patienten ja nicht im Stationsalltag, sondern vorrangig in Therapie-gesprächen. Ob das, was ich mit meinen Patienten in unseren Sitzungen vereinbare, dann auch angewendet wird bzw. im täglichen Leben funktioniert, erfahre ich vom Stationsteam.“ Um die Zusammenarbeit in diesem multi-professionellen Team zu verbessern, wurde im Frühjahr 2021 ein neues Betreuungskonzept erstellt. „Primary Nurse“ nennt sich der Ansatz, zu Deutsch „Bezugspflege“. Seit zwei Jahren wird er nun auf der psychosomatischen Station C3 praktiziert. „Primary Nurse bedeutet, dass jeder Patient eine feste Pflegekraft als Bezugsperson hat, die ihn während seines gesamten stationären Aufenthalts begleitet. Zudem findet zu jedem Patienten ein festgelegter Austausch zwischen allen an der
Behandlung beteiligten Parteien statt. Auch der Jugendliche ist in diese Gespräche eingebunden“, erklärt Michaela Schweda das von ihr miterstellte Konzept.

Zu den wöchentlichen Teambesprechungen zwischen Ärzt:innen, Therapeut:innen und Stationsleitung findet nun auch alle 14 Tage ein Gespräch unter sechs Augen zwischen Psychotherapeut:in, Bezugs-pflegekraft und Jugendlichem statt. Jeder kann sich zur aktuellen Situation äußern und in die Zielbesprechung einbringen. „Uns ist es wichtig, dass diese Dreierbesprechungen mit größter Wertschätzung erfolgen. Es ist keine ‚Zweigegen einen‘-Situation. Das Gespräch soll signalisieren, dass wir die Gedanken und Wünsche des Jugendlichen  ernst nehmen. Sie sind für den Patienten auch eine gute Übung, sich vor anderen frei zu äußern und sich für seine Ansichten auf eine gesunde Art Gehör zu verschaffen“, beschreibt Luzi Santoso die Gesprächs­at­mo­sphäre.

Durch den regelmäßigen und strukturierten Austausch bekommen die Behandelnden nicht nur einen besseren Einblick in die Gefühle und Gedanken ihrer Patient:innen, sondern lernen sich auch innerhalb des Teams immer besser kennen: „Da wir alle miteinander und nicht übereinander sprechen, wurde unsere Arbeit qualitativ verbessert. Außerdem erlebe ich als Therapeutin die Interaktion zwischen Patient und Pflegekraft live mit. Ich sehe, wie die Kommunikation erfolgt, wieviel Geduld vorhanden ist und welche Reizthemen zwischen uns allen aufgrund der Erkrankung existieren“, zählt Luzi Santoso die Vorteile der Bezugspflege auf.

Auch für die Pflegekräfte ist der Austausch unter sechs Augen ein Gewinn: „Die Pflegekräfte können in einem geschützten Rahmen Dinge ansprechen, die ihnen im Alltag auffallen. Das  tägliche Miteinander auf der Station wird verbessert und es macht sie als Bezugspersonen authentischer, wenn sie offen schwierige Verhaltensweisen ansprechen“, erklärt Michaela Schweda. „Außerdem steigert das Pflegekonzept die Arbeitsmotivation. Je besser man ‚seine‘ Patienten kennt, umso eher erkennt man Fehl­ent­wick­lungen und Fortschritte. Auch können Pflegekräfte ihre Ideen gezielt einbringen.“

Doch nicht nur die Pflegekräfte und Psychotherapeut: innen empfinden das neue Betreuungskonzept als hilfreich. Auch die Jugendlichen sehen den Ansatz als Bereicherung: „Die Jugendlichen fühlen sich stärker wahrgenommen, der Austausch ist strukturierter und deswegen intensiver“, beschreibt Luzi Santoso die Situation der Patient:innen. „Sie können dadurch aber auch weniger manipulieren, denn alle Beteiligten hören zur gleichen Zeit das Gleiche“, ergänzt Michaela Schweda. „Früher gab es einen häufigeren Wechsel in der Versorgung, der Austausch im Kollegenkreis war dadurch unterbrochen. Primary Nurse lebt davon, dass Pflegekräfte eine gute Beziehung zum Patienten aufbauen und Informationen fließen. Das funktioniert aber nicht mit einem regulären Drei-Schicht-System, in dem das Personal täglich rotiert. Deswegen haben wir jetzt Montag bis Freitag eine kontinuierliche, gute Besetzung im Tagdienst, damit wir näher an unseren Patienten dran sind“, begründet sie das geänderte Dienstplankonzept.

Ein hoher Personalschlüssel unter der Woche sorgt dafür, dass das Kind dafür gerüstet ist, das Wochenende zu Hause zu verbringen. „Das Wochenende bei Eltern, Geschwistern und Freunden ist kein Urlaub vom Krankenhaus, sondern vielmehr eine Belast­ungs­er­pro­bung. Wir schauen, ob das, was wir unter der Woche therapeutisch entwickelt haben und einüben, auch in der heimischen Umgebung funktioniert“, erklärt Luzi Santoso den Ansatz. Wieder zurück auf der Station werden die erlebten Erfolge und Rückschläge dann im Therapiegespräch nachbesprochen.

„Durch das Primary-Nurse-Konzept kommen relevante Themen schneller auf den Tisch und können eher angegangen werden. Es werden keine wichtigen Einblicke der Pflege mehr zurückgehalten oder nur ‚auf dem kurzen Dienstweg‘ ausgetauscht, sondern die Reflexionen und Zielvereinbarungen erfolgen terminiert, strukturiert und dokumentiert. So können wir als Therapeuten den Therapieweg effizienter und transparenter aufbauen“, formuliert Luzi Santoso die Vorteile des Konzepts. „Außerdem fühlt sich diese Zusammenarbeit noch mehr nach Teamwork an. Und wie gesagt: Im Team können wir den Jugendlichen am besten helfen.“

Klinik für Kinder- und Jugend­psy­cho­so­matik

 

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