Über die Schulter geschaut: Ganzheitlicher Blick auf jedes Kind

Körperliche Erkrankungen haben oft negative Effekte auf das seelische Wohlbefinden. Umgekehrt können psychische Erkrankungen sich in körperlichen Symptomen äußern. Deswegen bringen die Physiotherapeut:innen am Clementine Kinder­hospital nicht nur ihre ganze physiotherapeutische Fachkompetenz ein, um die Kinder bei ihrer Genesung voranzubringen, sie warten auch mit großem Einfüh­lungs­ver­mögen auf. Dieser ganzheitliche Blick auf die Kinder und Jugendlichen ist es, den Heide Peters und Zsuzsanna Nagy an ihrer Arbeit als Physio­the­ra­peutinnen am Clementine Kinder­hospital schätzen. Für einen Einblick in ihre Arbeit wurden die beiden stellvertretend für ihr Team interviewt.

„Am Anfang jeder Therapie steht der Beziehungsaufbau. Er ist die Grundlage für jeden weiteren Schritt und damit für den langfristigen Behand­lungs­er­folg. Wir Physio­the­ra­peuten lernen unsere Patienten kennen und schauen genau hin, welche Fähigkeiten sie mitbringen, auf denen aufgebaut werden kann“, erklärt Heide Peters den Ausgangspunkt ihrer Arbeit.

Seit über 20 Jahren ist sie schon an dem Frankfurter Kinder­kran­ken­haus tätig. Hauptsächlich arbeitet sie mit Kindern, die für eine neurologische Rehabilitation ins Clementine Kinder­hospital kommen und mitunter viele Monate stationär bleiben. Die Kinder haben durch einen Unfall oder eine Erkrankung körperliche Einschränkungen und müssen viele Bewegungen wieder lernen. Dabei geht es vor allem darum, den Kindern eine Rückkehr in ihren veränderten Alltag zu ermöglichen. Die Behandlungsziele und die Übungen orientieren sich deswegen auch an alltäglichen Handlungen: „Ich arbeite mit einem Kind nur sehr selten rein funktional. Es geht nicht darum, ob es seine Hand öffnen und schließen kann, sondern ob Zähneputzen wieder möglich ist. Es ist auch nicht das Ziel, dass ein Kind sein Bein heben und senken kann. Die Frage ist, kann es von einem Stuhl aufstehen oder eine Treppenstufe erklimmen? Wir mobilisieren immer entsprechend dem Bewegungsanlass“, erklärt Heide Peters den Ansatz.

Dabei schaut sie genau, bei welchen Bewegungen ein Kind ihre Unterstützung braucht und was es schon selbstständig kann. So viel Hilfe wie nötig, so wenig wie möglich, ist dabei der Leitsatz. Dieser Unterstützungsbedarf ändert sich im Reha-Prozess ständig, deswegen muss das Vermögen der Kinder immer neu eingeschätzt werden. „Ich orientiere die Therapie ständig am Können und am Alltag der Kinder, das macht die Individualität meiner Arbeit aus“, beschreibt Peters ihre Herangehensweise. Je jünger die Kinder sind, desto spielerischer erfolgt die Physiotherapie. Zum Einsatz kommen Bälle, Wurfsäckchen oder Kegel. Ganz besonders beliebt ist das große Trampolin. Für mobilere Kinder wird auch gerne ein Hindernisparcours aufgebaut. „Da ist sehr viel Einfallsreichtum auf unserer Seite gefragt, denn wir müssen die Spiele regelmäßig abwandeln und an die Situation der Kinder anpassen. Das ist immer eine Gratwanderung, denn ein Kind muss am Spiel teilnehmen können, aber es muss dadurch auch gefordert werden“, erklärt Peters die tägliche Herausforderung ihrer Arbeit.

Doch auch eine abwechs­lungs­reiche Therapie täuscht nicht darüber hinweg, dass die Kinder viel Trauer und Frust in sich tragen. Die einst gesunden Kinder müssen mitunter die einfachsten Handlungen wieder erlernen. Das bekommt auch Heide Peters zu spüren: „Die Kinder sind oft ungeduldig, wollen schneller wieder alles können. Wir als Therapeuten leisten manches Mal seelischen Beistand. Wir müssen immer den Optimismus bewahren und zum Dranbleiben motivieren.“ Auch die Eltern müssen Heide Peters und das Physiotherapie-Team im Blick haben. Wir besprechen uns mit ihnen regelmäßig beim Runden Tisch über den Ist-Zustand ihres Kindes und stimmen die nächsten Schritte mit ihnen ab. Dafür ist Finger­spitz­en­ge­fühl notwendig, denn die Eltern wünschen sich ihr gesundes Kind zurück – ein verständlicher, aber leider nicht immer realisierbarer Wunsch. Bei physiothera­peutischen Übungen unterstützen sollen sie aber nicht. „Wir Therapeuten fordern die Kinder sehr heraus, wir wollen immer, dass sie einen kleinen Schritt weiter gehen als sie aktuell können. Diese Position sollen die Eltern nicht einnehmen, sie sollen einfach Mama und Papa sein“, begründet Heide Peters die Trennung zwischen Therapie- und Familienzeit.

Falls es doch einmal „Hausaufgaben“ für die physiotherapiefreie Zeit gibt, dann wird zuerst das Pflegepersonal eingebunden - etwa wenn ein Kind häufiger zwischen Bett und Rollstuhl umgesetzt werden soll. „Der Austausch zwischen uns verschiedenen Berufsgruppen ist essenziell für die optimale Behandlung der Kinder und Jugendlichen“, fasst es Heide Peters zusammen. Deswegen findet wöchentlich eine inter­dis­zi­pli­näre Teamsitzung statt, in der sich im großen Kollegenkreis über jeden Patienten ausgetauscht wird. Erreichte Etappen werden zusammengefasst, neue Teilziele werden festgelegt.

Diese fach­über­grei­fenden Besprechungen sind auch für Zsuzsanna Nagy wichtig. Denn während im Reha-Bereich körperliche Einschränkungen der Kinder offensichtlich sind, sind bei ihrem Schwerpunkt, den psychosomatisch erkrankten Kindern, die psychischen Ursachen der körperlichen Beeinträchtigung nicht sichtbar. Deswegen ist ihr der enge Austausch mit Psycholog:innen und den Kolleg:innen anderer Therapiebereiche, wie Musik- und Kunsttherapie, wichtig. „Als Physio­the­ra­peuten sind wir dafür ausgebildet, körperliche Funktionen

wiederherzustellen. Bei psychosomatischen Patienten lässt sich die Erkrankung aber nicht wegtrainieren.“ Um in diesem Randgebiet der Physiotherapie ihren Beitrag zur Genesung leisten zu können, hat Zsuzsanna Nagy eine körper-psychotherapeutische Fortbildung absolviert.

Viele der jugendlichen Patient:innen leiden unter anderem unter Angststörungen oder Magersucht. Sie haben den gesunden Bezug zu ihrem Körper verloren. Deswegen geht es darum, eine positive Körper­wahr­neh­mung zu fördern. „Bei den stark untergewichtigen Patientinnen sind sportliche Aktivitäten nicht erlaubt. Bei ihnen fördern aber Massagen oder Entspannungstechniken das Wohlbefinden. Für Jugendliche mit anderen psychischen Erkrankungen kann es dagegen genau richtig sein, auf Laufband, Fahrradtrainer oder im Spiel aktiv zu sein“, beschreibt Nagy die individuellen Unterschiede im Therapieansatz.

Neben der Grunderkrankung müssen dabei immer auch der Charakter und die Fähigkeiten der Teenager berücksichtigt werden. „Wenn ich die Kinder kennenlerne, frage ich sie immer, was sie zu Hause für Sport gemacht haben. Ich möchte positive Erfahrungen mit ihrem Körper wachrufen. Ich frage sie auch ganz einfach ‚Was kann ich für dich tun?‘“, beschreibt Zsuzsanna Nagy den Beziehungsaufbau. „Wenn sie anfangs zu mir kommen, haben sie oft sehr verspannte Körper. Sie laufen steif und haben eingefahrene Bewegungsmuster. Die Kinder sagen auf Nachfrage aber immer, es gehe ihnen gut. Deswegen suche ich immer Kanäle, auf denen sie ihre Bedürfnisse ausdrücken können. Sie sollen zum Beispiel auf dem Trampolin oder Laufband Freude spüren und Wut rauslassen oder beim Spiel in einer Kiste voller Kirschkerne Entspannung finden.

Auch für Zsuzsanna Nagy gilt es, kreativ zu sein bei der Gestaltung der Therapiestunden. Denn wenn die Teenager in einer Aktivität oder im Spiel aufgehen, können sie sich öffnen und innere Blockaden können gelöst werden. Sie lernen, Grenzen für sich zu erkennen und Bedürfnisse zu formulieren, etwa indem sie spielerisch „Nein“ sagen üben.

Über die Bewegung versucht Nagy, Zugang zu den Jugendlichen zu bekommen: „Ich möchte eine Umgebung schaffen, wo Jugendliche Spaß haben und sich öffnen können, dazu muss ich mich ganz auf die individuellen Umstände des jeweiligen Kindes einstellen.“

Diese Kreativität in der Therapie ist es, die auch Zsuzsanna Nagy an ihrer Tätigkeit liebt. Sie schmiedet mit Begeisterung individuelle Behandlungskonzepte für Kinder mit höchst individuellen Erkrankungsmustern. „Manche Kinder trauen sich wegen einer Angststörung seit Wochen nicht aus dem Haus. Mit ihnen das erste Mal wieder einen Spaziergang zu unternehmen, ist ein Erfolgserlebnis. Wir loten gemeinsam aus, was sich jemand zutraut und dann schauen wir, wie wir das Handlungsspektrum behutsam erweitern können – das sind immer spannende Momente meiner Tätigkeit. Wenn am Ende ein depressives Kind von sich aus joggen geht und Freude dabei empfindet – das ist für das ganze Team ein großer Freudenmoment“, fasst Nagy die schöne Seite ihres Berufes zusammen.

Teamarbeit ist generell ein wichtiger Punkt für die Arbeit der Physiotherapeut:innen. Fünf Therapeut:innen sind es, die sich neben den Reha- und Psychosomatik-Kindern noch um pneumologische Patient:innen, Diabeteserkrankte und um Frühgeborene kümmern. „Wir tauschen uns immer über unsere Patienten aus und unterstützen uns bei Fragen. Jeder hat einen anderen Blick auf eine Situation und kann mit Ideen die Arbeit der anderen ergänzen“, beschreibt Zsuzsanna Nagy die Zusammenarbeit. Heide Peters ergänzt: „Auch können wir uns gegenseitig entlasten. Wenn sich von Eltern und Kindern gewünschte Ziele nicht oder nicht schnell genug erreichen lassen, dann können wir uns im Team neu motivieren. Auch wenn ein Kind nicht die erhoffte Entwicklung macht und man als Physiotherapeut Ziele aktiv loslassen muss, das sind die schweren Momente unserer Arbeit. Dann tut es gut, wenn man im Team aufgefangen wird.“

Was sie an ihrer Arbeit noch schätzen? „Den Handlungsfreiraum bei meiner Tätigkeit. Ich kann mir für meine Patienten immer etwas Neues ausdenken, Hauptsache, es tut ihnen gut. Dabei werde ich von einem großen Team unterstützt“, beantwortet Zsuzsanna Nagy die Frage unmittelbar. Heide Peters nennt die überschaubare Größe des Hauses: „Es ist hier sehr familiär, man kennt fast alle Gesichter und man kann sich an jeden wenden, wenn man eine Frage hat.“

Das Schönste an ihrer Arbeit ist jedoch unisono das Lachen der Kinder: „Die Kinder geben uns unheimlich viel zurück. Wenn wir sehen, dass unsere Therapie sie voranbringt und sie nach einer langen Krankheitszeit wieder fröhlich sind, dann ist das ein wunderbarer Moment.“ Im Grunde ist dies genau der Moment, in dem sich zeigt, dass die Physiotherapie am Clementine Kinder­hospital eben nicht nur eine rein körper-orientierte Behandlung war, sondern dass der ganzheitliche Ansatz zum Erfolg geführt hat.

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